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Projekt

 

Noch:Schon – Musik an der Schwelle oder
Was macht klassische Musik gegenwärtig?

Ein Team junger MusikerInnen, DesignerInnen und Tonschaffender hat sich mit dem Projekt Noch:Schon vorgenommen, klassische Musik in den Kontext von Musikstilen der Gegenwart zu stellen.

Auf CD I der Doppel-CD Noch:Schon - Musik an der Schwelle haben die Musiker Werke des Übergangs eingespielt: diese bewegen sich schillernd an den Schwellen von Epochen, Stilistiken und Biografien.

Auf CD II wurden die aufgenommenen Werke im Tonstudio dekonstruiert, rekomponiert und treten in den Dialog mit Produktionsmethoden und Musikstilen unserer Zeit. Dabei werden die klassischen Tonaufnahmen zu elektronischen Sounds umgeformt; es entstehen Assoziationen zu Free Jazz, Filmmusik, Ambient, Trip-Hop und Elektronischer Musik.

 Im Spannungsfeld zwischen nur scheinbar alter Musik und dem Sound Design der Gegenwart kommt das Potenzial klassischer Werke und ihre kraftvolle Aussage auf bisher ungehörte Weise zum Vorschein.

 

 

»Mit CD und LP ist es ein bisschen wie mit einer guten Tasse Kaffee. Die Kaffeebohnen werden handgemahlen, das Wasser erhitzt, der Kaffee aufgebrüht, die Milch aufgeschäumt und alles herrlich angerichtet. Man nimmt sich Zeit für das Zubereiten und Zeit für den genussvollen Verzehr. 
Sich für etwas Zeit zu nehmen, stellt in unserer schnelllebigen, stressbetäubten Welt einen hohen Wert dar. Die CD auszupacken, Cover und Booklet zu studieren, sie anschließend in die Hi-Fi Anlage einzulegen und in Ruhe zu hören, ist nicht convenient. Aber der Genuss ist ungleich größer. Eben genau wie beim Kaffee.
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– Patrick Leuchter, Sound Designer

 

Struktur und Neubeginn –
Ein Interview mit Projektleiter und Produzent der CD II, Luis Reichard

 

Sophie: Was ist deiner Meinung nach der stärkste musikalische Gedanke des Klavierquartettsatzes von Gustav Mahler?

Luis: Als außergewöhnlich an dem Originalstück empfinde ich, dass das Hauptmotiv nur aus drei Tönen (a-f-e) besteht. Es ist faszinierend, was sich aus dieser kleinen Keimzelle entwickelt. Das Stück lotet dynamisch und emotional die Extreme aus: Es ist sehr melancholisch und in höchstem Maße ruhig, auf der anderen Seite auch kraftvoll, sehr bewegt und fast schon hektisch. Diese beiden Gegenpole aus dieser sehr einfachen Keimzelle entwickelt zu sehen, finde ich unheimlich stark.


Welche Grundidee hat euch bei eurer Interpretation geleitet?

Patrick und ich haben uns grundsätzlich, nicht nur bei Mahler sondern auch bei den übrigen Stücken gefragt: Wie können wir ausschließlich aus dem Originalmaterial von CD 1 Stücke entwickeln, die in sich stimmige Musik darstellen? Das war unser Hauptziel, das wir zu Beginn unseres Arbeitsprozesses formuliert haben. Die Antwort, die wir darauf gefunden haben, war: Wir brauchen für jedes Stück eine starke kompositorische Struktur.Wir können nicht einfach drauf los samplen, sondern wir wollen - inspiriert vom Original - eine Struktur finden, die es uns erlaubt, eine Dramaturgie aufzubauen, die zu einem stimmigen Ganzen führt. Deswegen haben wir uns bei Mahler für die Sonatenhauptsatzform entschieden und bei den vier Stücken von CD 2 für die Großform Sinfonie.

 

Inwiefern habt ihr euch dabei am Mahlerschen Original orientiert?
Wir haben das Gerüst der Sonatenhauptsatzform übernommen, weil es eine dramaturgisch bewährte Möglichkeit ist, über einen langen Zeitraum spannende Musik zu machen. Dabei haben wir aber nicht alle Formteile Mahlers minutiös übertragen – das hätte uns zu viel kreativen Freiraum gekostet. Unsere zwei Hauptthemen sind also eher atmosphärische als musikalische Motive. Das erste Thema, Endzeit, ist von einer hektischen und rastlosen Grundstimmung geprägt. Charakteristisch ist die schnelle, tiefe Tonfolge des Klaviers. Das zweite Thema heißt Neubeginn: Ein flächiger Sound, auf der sich das Geigenmotiv ausbreitet. Dazu ein hohes, flirrendes Geräusch und das Brummen eines Hubschraubers, das wir durch ein Delayeffekt generiert haben. So haben wir die Sonatenhauptsatzform auf der Ebene der Atmosphäre durchexerziert – die musikalischen Motive haben sich dabei auch im Arbeitsprozess ergeben.

 

Ihr hattet also ein starkes Konzept, wart aber trotzdem so frei, dass ihr euch vom  künstlerischen Prozess habt leiten lassen.

Absolut, das ist der Vorteil an unserer Arbeitsweise. Wir haben ja auch beide viel Pop- und Jazzmusik gemacht, bei der man eher emotional entscheidet. Ganz nach dem Motto: Gut ist, was gut klingt. Andererseits haben wir aber auch beide Erfahrung mit dem künstlerisch-artifiziellen Bereich, wo es weniger darum geht, wie es hinterher klingt, sondern darum, dass das ideelle Konzept stark ist. Aus diesen beiden Welten konnten wir die Musik generieren. Wir sind also unserem Konzept treu geblieben, haben uns aber genauso von spannenden Klängen und Sounds leiten lassen.

 
(Sophie Wasserscheid)